Der Lützschenaer Flügelaltar

In der Lützschenaer Kirche (sog. Schlosskirche), einer Tochterkirche der Kirche in Hänichen, befand sich ein dreiflügliger gotischer Altar aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, dessen Schöpfer unbekannt ist. Im Jahre 1817 brannte die Kirche ab. Als 1822/23 der Wiederaufbau erfolgte, wurde ein neuer Altar angeschafft, der alte aber am Ostgiebel der Kirche im Freien angebracht. 1855, als eine Renovierung der Kirche in Angriff genommen wurde, barg man ihn auf Initiative der "Deutschen Gesellschaft zur Erforschung vaterländischer Sprache und Alterthümer zu Leipzig" in deren Besitz er überging und die ihn im Kunsthistorischen Institut der Universität Leipzig lagern ließ. Im Oktober 1947 wurde der Altar dem jetzigen Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig übergeben, in dessen Obhut er sich heute befindet.

Linker Flügel Mittelteil Rechter Flügel

Die Flügel

In geschlossenem Zustand misst der Altar in der Höhe 1,36 m und 1,32 m in der Breite. Die Außenseiten der Altarflügel sind bemalt mit vier Szenen aus dem Leben der Maria. Rechts oben ist die schwangere Maria mit ihrer Base Elisabeth (Mutter Johannes des Täufers) dargestellt (Heimsuchung). Das Bild links oben zeigt das neugeborene Jesuskind mit Maria und Josef im Stall zu Bethlehem. Während Maria ganz der Anbetung des Kindes hingegeben ist, stellte der Maler Josef mit Kochtopf und Rührlöffel dar und wies ihm damit die Rolle des Haushälters zu. Links unten zeigt das Bild die Darbringung Jesu im Tempel. Der Vorschrift gemäß haben Maria und Josef als Opfergabe zwei Tauben mitgebracht, die auf dem Altar zu sehen sind. Bemerkenswert ist, dass alle Personen auf den Bildern in der Tracht des Mittelalters gekleidet sind und obendrein der jüdische Priester im Gewand eines Bischofs abgebildet ist. Im Bild rechts unten wird der Tod der Maria im Beisein der Apostel dargestellt, wie er sich der frommen Legende zufolge ereignet haben soll.

Alle diese Malereien sind sehr stark restaurierungsbedürftig. Gegenwärtig versucht man weitere Schäden zu verhindern, indem brüchige Farben mit speziellen Klebefolien vor dem Herausfallen gesichert werden.

Das Mittelteil

Öffnet man die Flügel, dann erreicht der Altar eine Breite von ca. 2,65 m und man erblickt die hölzernen Figuren, welche in neun mit filigran geschnitztem Maßwerk verzierten Nischen stehen. Im Zentrum befindet sich eine ca. 1 m hohe Statue der Maria mit Königskrone und dem Jesuskind auf dem Arm. In den vier Nischen zu ihrer Seite sind acht Figuren zu sehen, deren Interpretation nicht so problemlos geschehen kann wie es bei den Gemälden auf der Außenseite möglich ist. Anhand der Gegenstände, die ihnen zwecks der leichteren Erkennbarkeit durch das leseunkundige Publikum des Mittelalters beigegeben wurden, ist ihre Identifikation jedoch auch heute zum Teil noch möglich. Obwohl es verschiedene Deutungsvarianten gibt, hat sich folgende Lesart herausgeschält:

Die Heiligen

Im mittleren Teil des Altars sind folgende Heilige zu sehen: Im Geviert oben links der heilige Nikolaus, daneben die heilige Katharina, eine Märtyrerin. Darunter die heilige Elisabeth, mildtätige Landgräfin von Thüringen und spätere Franziskanerin, neben ihr Maurus , der zusammen mit Benedikt im Jahre 528 das Kloster Monte Cassino zwischen Rom und Neapel gründete. Das Geviert links oben zeigt die heilige Barbara, eine Turmbewohnerin, die neben Artilleristen und Bergleuten auch jenen Glöcknern als Schutzpatronin galt, die bei schweren Gewittern die Glocken zu läuten hatten, um das Unwetter zu vertreiben. Neben ihr steht Wolfgang, ein Einsiedler, der seine Eremitage am Wolfgangsee im Salzkammergut selbst errichtete. Schließlich sind rechts unten der drachentötende Erzengel Georg und die heilige Margarete zu sehen.

Bei den zwölf Figuren der Seitenflügel handelt es sich offenbar um die zwölf Apostel, von denen die folgenden eindeutig namentlich benannt werden können: Links oben in der Mitte Andreas, der Jesus bei der wundersamen Speisung der 5000 mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen zur Seite stand und später am schrägen Andreaskreuz den Märtyrertod fand. Darunter in der Mitte sein Bruder Petrus, Fischer aus Kapharnaum, Oberhaupt der Apostel und erster Bischof von Rom. Rechts neben ihm wird Jakob der Ältere erkannt, Sohn des Zebedäus und älterer Bruder des Johannes. Das Geviert rechts oben zeigt uns links den Apostel Simon, der seines Glaubens wegen mit einer Säge bei lebendigem Leibe zerstückelt worden sein soll. Rechts von ihm, also in der Mitte, ist der jüngste Apostel und Evangelist Johannes, der Lieblingsapostel Jesu dargestellt worden. Er soll zur Zeit des Römerkaisers Domitian in siedendes Öl getaucht worden sein, was er aber wundersamerweise unbeschadet überstand.

Nicht so gut überstanden die Figuren die Zeitläufe. Ursprünglich waren sie bemalt, worauf die noch vorhandenen Farbreste und die Grundierung aus Kreide und Leim hinweisen. Diese farbige Fassung läßt sich auf Grund der geringen Farbreste nicht mehr rekonstruieren, so dass nach Ansicht der Fachleute eine Restaurierung nur das Ziel haben kann, Vorhandenes zu erhalten und die Substanz zu sichern, so dass am Ende die Farbe des Holzes den Altar dominieren würde. Eine solche Behandlung allein des linken Seitenflügels sollte nach einem schon länger vorliegenden Preisangebot eines Restaurators 23.211,60 DM kosten, also heute etwa 12.000 €. Für die Restaurierung des gesamten Altars muss man mit insgesamt ca. 40.000 € rechnen. Diese enorme Summe ist vor allem dem hohen Stundenaufwand geschuldet, der für die Freilegung des Holzes von Grundierung und Schmutz veranschlagt wird.

Der Altar, welcher seit 1855 offenbar nicht wieder öffentlich gezeigt wurde, bedarf dringend der Restaurierung, soll er nicht weiteren Schaden nehmen. Leider ist das Museum in nächster Zeit nicht in der Lage, die dafür benötigten Mittel aufzubringen. Unabhängig davon, wie dieses Kunstwerk künftig der Öffentlichkeit präsentiert werden kann, ob der Altar an seinen angestammten Platz in der Schlosskirche Lützschena zurückkehrt oder im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig bleibt - zuerst muss er vor Verfall bewahrt und in einen ausstellungswürdigen Zustand versetzt werden. Da z.B. die evangelische Kirchgemeinde Lützschena die Mittel für die Restaurierung nicht aufbringen kann, auch seitens der Stadt Leipzig in dieser Sache wenig zu erwarten ist, bleibt sicher nur der beschwerliche und langwierige Weg, bei privaten Spendern und Sponsoren Gelder zu sammeln. Sollte sich kein Patron finden, der die gesamte Restaurierung übernimmt, dann wäre auf alle Fälle der Heimatverein Lützschena-Stahmeln e.V. gefordert, hier das nötige Engagement zu entwickeln. Erstes Etappenziel könnte es sein, die Summe für den linken Seitenflügel zusammenzutragen, damit ein Anfang gemacht und ein Beispiel für die weiteren Schritte gegeben wird.

Stand Juli 2007
Horst Pawlitzky


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